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Das Glücksprinzip
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Maksida Vogt
1. Dezember 2017

Reiterpension Marlie

Die erste Begegnung

U m 6 Uhr klingelte der Wecker und ich quälte mich aus meinem warmen Bett. Lieber wäre ich liegen geblieben, aber ich hatte heute etwas ganz besonderes vor: Eine Trainerin kam auf den Reiterhof nach Empelde und ich wollte unbedingt zuschauen. Also schlüpfte ich schnell in meine Kleidung und fuhr zum Bahnhof, von wo aus ich starten würde. Nach einer gefühlt endlos langen Zugfahrt stapfte ich zu Fuß vom Bahnhof bis zum Reitstall. Die Temperaturen waren immer noch eisig kalt, doch kaum sah ich die ersten Pferde war die Kälte fürs erste vergessen. Ich setzte mich in die Reithalle, wo langsam die ersten Pferde aufgewärmt wurden. Etwas kritisch sah ich den Reiterinnen und dem Unterricht zu und wusste nicht, was an dem Unterricht so besonderes sein sollte. Pferde wurden longiert, geritten, ein paar Hilfen besprochen … eine Teilnehmerin war erkältet, weshalb sie nur etwas an der Longe geritten ist. Ihr Knabstrupper fing schnell an zu dampfen und abzuschnauben. Nach einigr Zeit stieg die Reiterin ab und das Pferd wurde von der Trainerin weiter gearbeitet. Irgendwann blieben Trainerin und Pferd nebeneinander stehen. Es sah so aus als würden sie Pause machen, doch dann sah man plötzlich kleinste Schwingungen. Die Trainerin wippte ihr Gewicht weich vor und zurück und das Pferd spiegelte diese Bewegung. Beide standen auf der Stelle, strahlten eine unheimliche Ruhe aus und wippten nur mit ihrem Gewicht langsam vor und zurück – wie von Zauberhand bewegt. Die Trainerin war Silke Reger und dieser Moment hat sich bis heute in mein Gedächtnis eingeprägt.

Ich wollte unbedingt auch erlernen, so mit einem Pferd kommunizieren zu können und blieb mit ihr in Kontakt. Ein Praktikum über die Ferien war in Überlegung, was leider nicht verwirklicht werden konnte, weil kein Zimmer frei war. Mit der Zeit verlor ich so die Verbindung und erst als meine Mutter mir zum Abitur ein paar Tage auf einem Reiterhof schenkte, kam mir dieses Erlebnis wieder in den Sinn.

Das Geschenk


Wir buchten also einen Kurzurlaub bei der Reiterpension Marlie an der Ostsee und ich war voller Vorfreude auf Pferde, Strand und Meer. Nach einer langen Autofahrt sahen wir endlich ein grünes Schild, auf dem „Reiterpension Marlie“ stand, wir bogen in die Einfahrt ein und rollten den steilen Schotterberg zum Reitplatz runter, neben dem eine Reihe Parkplätze zur Verfügung standen. Nach dem Aussteigen wussten wir noch nicht so ganz wohin mit uns, die Reitstunden wollten wir auch nicht stören, weshalb es uns Richtung Stall trieb. Da kam uns dann eine energievolle braunhaarige junge Frau entgegen, die sagte „Ah da seid ihr ja endlich, ihr habt die Stunde um 15 Uhr gebucht, oder“. Mh nein, nicht ganz :D Wegen Ferienbeginn waren die Straßen wohl recht überfüllt und deshalb stauten sich die Autos. Nach einer kurzen Unterredung wussten wir nun aber, wohin wir gehen mussten. Den Schotterberg wieder hoch, die Stufen hinauf durch die Haustür, dort Schuhe sauber machen und weiter geradeaus durch die erste Tür und danach an der zweiten Tür anklopfen. Dort machte uns dann Kari mit einem breiten Lächeln im Gesicht und einer gutmütigen und freundlichen Ausstrahlung auf. Sie begrüßte uns herzlich und machte uns mit allen Regeln und Zeiten vertraut. Das Wichtigste ist wohl, dass man immer pünktlich und mit gewaschenen Händen zum Abendessen auftaucht, dort werden dann die Reitstunden für den nächsten Morgen abgesprochen. Bei der Erwähnung der „sauberen Hände“ warf meine Mutter mir einen bedeutungsschweren Blick zu – ich habe ja keeeeine Ahnung was sie mir damit sagen wollte. :D Nach Übergabe des Zimmerschlüssels bezogen wir unser Zimmer, es war schlicht, zwar nicht modern, aber durchaus sauber eingerichtet, mit dem was man benötigt, aber auch nicht mehr als man braucht. Schnell zogen wir uns um, schließlich wollte ich unbedingt die Pferde sehen und beim Unterricht zu schauen. Sofort sind mir die vielen Pferde aufgefallen, die gebisslos geritten wurden – top! Das hat mich total gefreut und auch an der Unterrichtsstruktur konnte man schnell erkennen, dass der Unterricht ein wenig „alternativ“ aufgebaut war. Die Besichtigung des Stalls war etwas ernüchternd – Boxen. Boxenhaltung bei Pferden kann man meiner Meinung nach schon als Massentierhaltung definieren, aber man kann ja auch nicht alles perfekt haben.

Nach dem Abendessen gingen wir in unser Zimmer und schliefen schon recht schnell ein, der Tag war mit der langen Fahrt doch recht anstrengend gewesen und die vielen neuen Eindrücke mussten verarbeitet werden. Für den nächsten Tag hatten wir keine Reitstunden gebucht, da recht gutes Wetter angesagt war und wir an den Strand gehen wollten. Auf dem Weg kauften wir uns also Erdbeeren und verbrachten den Tag futternd im Strandkorb oder wanderten am Meer entlang. Nach der Heimkehr buchte ich zwei Stunden bei Wolfgang zur „Bodenarbeit“. Ich war wahnsinnig gespannt, wie diese Stunde ablaufen würde und wartete voller Erwartungen und Spannungen auf den nächsten Tag.

Die erste Stunde


Da wir nicht ganz wussten wo wir hin sollten, warteten wir zur bestellten Uhrzeit vor der Reithalle und ich sprang von einem Stein auf den nächsten. Nach kurzer Zeit kam Wolfgang herunter gejoggt und kommentierte meinen Zeitvertreib damit, dass ihm das schon ganz gut gefallen würde. Diese Aussage konnte ich damals nicht so ganz einordnen, inzwischen denke ich aber zu wissen, dass er es wirklich so meinte, wie er sagte. Er fragte mich, was ich lernen wollte und ich sagte, dass ich meine Kommunikation vom Boden verbessern möchte. Nachdem ich erwähnte, dass ich zu Hause zwei Ponys habe meinte er, dass wir Jacky für die Stunde nehmen würden. Das kleine frech aussehende Pony mit langer weißer Mähne kam uns am Paddock schon entgegen geschlendert. Wolfgang schlang einen Strick um den Hals und führte es in die Reithalle, welche mit Litzen in zwei Elemente unterteilt war. Dort ließ er Jacky frei und malte mit der Stiefelspitze ein Viereck auf den Boden, wo ich Jacky reinstellen sollte. Zum Glück hatte ich ein paar Leckerlis in der Tasche, damit war das verfressene Pony schnell am richtigen Ort. Nun sollte ich es aber auch einmal ohne Leckerlis machen, was sich als etwas schwieriger gestaltete. Letztlich wurde mir eine Schwimmnudel gereicht, die ich als Gertenersatz und zur Kommunikation benutzt habe. Da wir mit unserem Körper in Gegenwart der Pferde oft unbewusst artikulieren, stumpfen diese gegenüber unserer Körpersprache schnell ab. Deshalb ist es sinnvoll einen zusätzlichen Gegenstand in das Training mit einzubeziehen und damit eine Art Zeichensprache aufzubauen. Gerten sind nun ein sehr „scharfes“ Hilfsmittel, Schwimmnudeln dagegen sind aus Schaumstoff und tuen dem Pferd nicht weh. Die Zeichensprache erklärte sich als recht simple: Waagerecht ist eine von mir weg treibende Hilfe, senkrecht eine Einladung zu mir zu kommen. Diese Zeichensprache ermöglichte es mir schnell Jacky gezielt einzuladen oder wegzuschicken, womit ich sie auch bald ohne Leckerlis ins Viereck bekam. Später sollte ich noch solche kuriosen Sachen machen, wie die Nüstern mit dem Schweif zu berühren, wobei das Pferd sehr nachgiebig sein musste und man selbst sanft genug, damit das Pferd der Hilfe folgt und sich nicht entgegenstellt oder auch unter dem Bauch des Pferdes durchkrabbeln, schließlich ist das nicht halb so gefährlich, wie sich auf den Rücken darauf zu setzen. Die Stunde war nicht nur aus der Praxis aufgebaut, sondern bestand auch aus theoretischen Teilen, wobei man an der Kante saß und Wolfgang von seinen Erfahrungen und Erlebnissen berichtete.

Man lernt nie aus


Am nächsten Tag hatte ich bei der damaligen Praktikantin Unterricht und durfte ihr Pferd Rosi reiten. Sie war damals erst etwas über einem halben Jahr auf dem Hof und ich war total beeindruckt, was sie in der verhältnismäßig kurzen Zeit dort schon alles gelernt hatte und wusste. Nach ein paar Übungen vom Boden, wo wir wieder das Folgen und Treiben mit der Nudel geübt haben, ging es auf das Pferd und ich sollte ohne Schenkelhilfe reiten, was am Anfang gar nicht so leicht war. Stattdessen sollte ich die Gerte anlegen und bei fehlender Reaktion anklopfen. Auch das Rückwärts gestaltete sich als interessant. Ich sollte als akustisches Signal lange „ssssss“ zischen und ggf. noch mit der Gerte auf der Kruppe treiben. Was ich fantastisch an den Übungen finde ist, dass während der Zeit die Zügel auf dem Pferdehals gelegen haben. Man hat sich also erst mal nur auf die treibende Hilfe konzentriert und nicht gleichzeitig noch versucht zu lenken, dadurch hat das Pferd auch nicht irritierende Hilfen von gleichzeitigem Treiben und Bremsen mit den Zügeln bekommt.

Den letzten Tag hatte ich noch einmal eine Stunde bei Wolfgang, in der ich Rosi geritten bin. Schwerpunkt dieser Stunde war es zu üben, dass Rosi der Hilfe nicht wegläuft, sondern nach einer treibenden Hilfe ausläuft. Vergleichbar mit einem Fahrrad, welches nach dem Tritt in die Pedale mit einem erhöhten Vorwärts reagiert, aber nach fehlendem weiterem Strampeln langsam ausläuft. Mit dem Vergleich klingt es ganz nachvollziehbar, jedoch finde ich es unpraktisch: Wenn ich mit meinen Pferden unterwegs bin und ihnen übermittle, dass wir nun traben können, dann wünsche ich mir, dass wir solange traben, bis wir am Ende des Weges sind oder schneller/ langsamer weiter möchten. Immer wieder nach zu treiben, damit mein Pferd nicht ausläuft empfinde ich als nervend und eher abstumpfend. Aber da bin ich wohl einfach mehr in der „Signalreiterei“ drin, als im klassischen.

Eine schwierige Entscheidung


Am Ende des Urlaubs entschloss ich mich dazu nachzufragen, ob ich ein Praktikum auf dem Hof absolvieren kann. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht und keine Ahnung, was ich in der Zukunft studieren wollte. Ursprünglich war geplant in Spanien bei Kenzie Dysli ein Praktikum zu machen, wo ich kurz zuvor auch schon war, aber Spanien erschien mir dann doch zu weit weg von meinen Ponys. Ich fragte also bei Wolfgang nach und der erzählte, dass das durchaus passen könnte, da die geplante Praktikantin kurz zuvor abgesagt hätte, wir würden später telefonieren …

Das gestaltete sich dann schwerer als erwartet :D Nach meiner Heimkunft konnte ich meistens nur Kari erreichen, irgendwann bekam ich dann auch mal Wolfgang ans Telefon und er erzählte mir ein wenig darüber, wie das Praktikum ablaufen würde und meinen Aufgaben. Was für mich eine sehr schwierige Entscheidung war, war was mit meinen Ponys in der Zeit sein würde. Ich wollte auf jeden Fall für eine Zeit weg von zu Hause, weil meine Pferde mich schon während der danach folgenden Jahre an mein Elternhaus binden würden. Zu Hause standen sie auf unserem eigenen Hof, quasi kostenlos, sie während des Studiums wo anders unterzustellen ist undenkbar, weshalb mein Studienstandort und damit auch die Studienwahl schon auf Hannover beschränkt war. Deshalb wollte ich wenigstens vor dem Studium für eine Zeit raus, doch was sollte mit meinen geliebten Ponys in der Zeit passieren? Egoistischer Weise hätte ich sie natürlich am liebsten mitgenommen, was ich sogar nachgefragt habe. Es wäre ein absoluter Traum die beiden in dem folgenden Jahr noch näher bei mir zu haben, jedoch wäre das meinen Pferden gegenüber ungerecht gewesen. Zu Hause haben sie wesentlich mehr Platz und Weidegras, die Fremde und der Transport hätten Stress bedeutet: Fremde Pferde, fremde Gerüche, anderes Futter … Auch zu Kursen nehme ich meine Pferde aus diesem Grund nicht mit. Auch die Idee die Pferde in der Nähe unterzustellen verschlug ich deshalb schnell, bevor der Gedanke überhaupt richtig aufgekeimt war. Nur damit ich glücklich meine Pferde um mich herum habe, würde ich ihnen das nicht zumuten wollen, außerdem konnte ich sie ja regelmäßig besuchen, die Ostsee war ja nicht aus der Welt – dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest noch ...

Fremdes Pferd – fremde Welt


Als ich ankam erfuhr ich, dass ich nur einen Tag pro Woche frei hätte, anstatt das erhoffte freie Wochenende. Die lange Zugfahrt nach Hause lohnte sich also nicht. Deshalb „sammelte“ ich die Tage, so dass ich wenigstens einmal im Monat nach Hause kam. Meine Ponys machten mir dabei dann auch noch ein schlechtes Gewissen: Ich putze sie sehr selten, fast nie, weil ich ihr natürliche Wärmeisolation und Insektenschutz nicht zerstören möchte. Und sie sind trotzdem immer sauber und haben glänzendes Fell. Aber ausgerechnet in der Zeit, wo ich nur einmal im Monat nach Hause kam sahen sie immer aus wie kleine Schweinchen, so dass ich mich immer unwohl fühlte, wenn ich wieder weg gefahren bin. Und auch mit den Pferden bei Marlie konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Als ich das erste Mal dort ein fremdes Pferd geritten bin kam ich gar nicht klar: Mit meinen Pferden habe ich eine bestimmte Sprache mit bestimmten Kommandos. Wenn ich „brr“ sage bleiben meine Pferde stehen, beim vorderen Schnalzen gehen sie Schritt, beim seitlichen Schnalzen Trab, bei Küsschen Galopp, beim Zischen seitlich und beim hochgezogenen Schnalzen rückwärts. Ich saß also auf einem fremden Pferd und habe automatisch „Brr“ gesagt, damit das Pferd anhält. Das tat es selbstverständlich nicht, da es das Kommando nicht kannte. Ich lehnte mich zurück und das Pferd ging immer noch weiter. Ganz kurz wurde mir flau im Magen, wie kann ich mich auf ein Pferd setzen, wo ich nicht mal weiß, wie man es „bremst“? Das ist ja wie sich in ein Auto zu setzen ohne zu wissen welches Pedal die Bremse ist und man verzweifelt versucht sie zu finden, bevor das Ende der Straße erreicht ist. Das ist das Pech, wenn man zehn Jahre lang fast nur sein selbst ausgebildetes Pferd reitet .. Zum Glück hatte ich, bevor ich meine Ponys bekommen hatte, ein paar Reitstunden und bin kurze Zeit vorher in Spanien ein paar Mal geritten. Ich probierte also probeweise an den Zügeln zu ziehen und siehe da, es funktionierte. Also vergaß ich für die Zeit ein wenig die Sprache, die ich mir mit meinen Ponys ausgedacht habe und kehrte zum Zügel ziehen, zum Bremsen oder Schenkel drücken, zum Treiben zurück, es ist ja auch irgendwie bequemer und einfacher. Die Pferde dort waren alle recht geduldig. Bei meiner Gynger habe ich mich einmal getraut sie mit den Zügeln in Anlehnung und Stellung zu fragen. Ich habe also gleichzeitig an den Zügeln gezupft und mit den Schenkeln getrieben, ein paar Sekunden später lag ich im Gras. Sie ist manchmal eher wie eine Katze, die man erst mit 10 Adelstiteln um Erlaubnis fragen muss, anstatt wie ein demütiger Hund – ein echter Freigeist. Gynger mag sämtliche Zügelhilfen nicht, von daher habe ich die Zügel maximal zum Lenken (eine Seite öffnen, eine schließen) benutzt, aber die Zügel nie rückwirkend oder hochziehend verwendet. Naja, bei den Pferden hatte ich dann Narrenfreiheit und habe mal hier mal da etwas ausprobiert. Bei Anja hatte ich ein paar Stunden, bei denen wir daran gearbeitet haben, dass Jacky ein wenig mehr über die Oberlinie und in Stellung und später Biegung läuft. Erst am Boden aus der Führposition, später beim Longieren und am Ende sogar beim Reiten. Eine Sache fand ich sehr spannend, die Anja gesagt hat „Egal welche Lektion du reitest, dein Pferd muss dabei immer veränderbar sein“. Am Anfang verstand ich die Aussage noch nicht, aber inzwischen finde ich sie super. Wenn ich mein Pferd stelle, soll es nicht steif die Stellung beibehalten, sondern weiter in Kommunikation stehen und nachgiebig sein: kannst du noch ein wenig mehr oder weniger? Tiefer oder höher? … Am Ende meiner Praktikumszeit ritt ich mit Anja auch einmal zum Strand, das war ein wirklich schönes Erlebnis. Sonne, Strand, Meer hat irgendwie eine anziehende Wirkung und nach kurzem Überreden ging die von mir gerittene unsichere Fuchsstute sogar hinter Anjas Stute Melissa mit ins Wasser.

Obwohl ich auch gerade beim Kinderunterricht geben die Pferde ein wenig besser kennenlernte, konnte ich mich mit keinem richtig anfreunden. Es war als würden wir eine andere Sprache sprechen und mir fehlte die Muße mich auf eine neue Sprache einzulassen. Nur am Ende meiner Zeit bei Marlie kam einmal ein Gastpferd „Smarti“, welchem ich mich mehr verbunden fühlte. Selbstverständlich habe ich alle Pferde im Stall lieb gewonnen, wenn man sich ein halbes Jahr jeden Tag stundenlang um diese kümmert kann man das wohl nicht ausschließen, aber es war keine persönliche, eher eine übertragbare Verbindung.

 
 

Ein unvergessener Moment


Bei einem Personaltreffen saßen wir alle gemeinsam draußen auf Holzbänken. Es wurde ein wenig erzählt, die vorherige Praktikantin hatte ein Kuchen (ein reines Kunstwerk) zum Abschied gebacken und ich sollte mich kurz vorstellen. Ein Grashüpfer kletterte von einem zum nächsten und alle betrachteten ihn freundlich. Niemand kam auf die Idee ihn wegzutreiben oder gar draufzuschlagen. Das war ein toller Augenblick, den Respekt auch vor kleineren Wesen mit anzusehen.

Während meines halbjährigen Praktikums wurde ich in einem kleinen Zimmer im Keller, neben der Küche untergebracht. Recht schnell fühlte ich mich in dem kleinen Raum recht wohl und verbrachte viele gemütliche Abende darin. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich wirklich alleine Zeit für mich hatte. Zu Hause gab es immer irgendwas zu tun und wenn es abends dunkel wurde, habe ich für die Schule gelernt. Es war mir vollkommen neu mal ab 18 Uhr wirklich nicht mehr lernen oder etwas anders tun zu müssen. Die ersten Abende war ich etwas planlos, was mit der Zeit anzufangen sei, doch die Zeit war schnell gefüllt: Bücher lesen, Spanisch lernen, Seminare durchsuchen, an denen ich mal teilnehmen möchte, Filme schauen … - zu allem Überfluss habe ich in der Zeit auch noch meinen heutigen Freund kennengelernt ;) Ohne es zu erwarten empfand ich die Zeit abends nicht als langweilig, sondern freute mich schon den ganzen Tag auf die paar Stunden nur für mich.
Mit dem Stall ausmisten gestaltete es sich etwas anders: es war so monoton, dass ich mich schnell langweilte. Irgendwann schaltete ich immer ab oder fing an meine Gedanken auf Spanisch zu denken, nur um geistig gefühlt nicht ganz zu verkümmern. Ich habe es auch mal mit Mathe Aufgaben im Kopf rechnen versucht, aber da ist die Arbeit dann doch zu kurz gekommen. Schnell hatte ich von meiner „Ausmist“ Kollegin - und einzige Verbindung zu Veranstaltungen außerhalb des Hofes - den Ruf „Blondi“ weg. Allgemein konnte ich mich meistens nicht darauf konzentrieren, was ich da gerade mistete oder fütterte am Tag XY. Eine Situation ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben: Ich wollte Jacky auf das Paddock bringen, hatte gerade einen total tollen Gedanken dem ich nachgehangen habe und stellte ihn in eine Außenbox. Wolfgang kam gerade vorbei und fragte, weshalb ich Jacky darein gestellt hätte – „Äh ich muss die Boxentür noch zu machen … ja ..“ die Wahrheit, dass ich mich nicht darauf konzentrieren kann, war mir dann doch zu peinlich. Allgemein empfand ich das Ausmisten noch als eine der angenehmsten Arbeiten, nur bei der Ausleerung der Karre hatte ich regelmäßig Sorge gleich mit in den Container zu rutschen. Dagegen verteilte ich nicht gerne Silage oder Heu, es staubte so sehr, dass mir durchgehend Augen und Nase liefen und ich aussah als wäre gerade jemand gestorben.

 
 

Eine Zeit des Lernens


Obwohl ich in der Zeit nicht viel geritten bin, habe ich nebenbei viel gelernt und manches vielleicht auch ganz ungewollt mitgenommen. Zum Beispiel werden die Pferde zum Putzen nicht festgebunden. Würde man das allgemeine Stallgeschehen mal mit Menschen machen – man schnürt Riemen um den Kopf eines anderen Menschen, bindet die Person damit irgendwo fest und fängt an mit verschiedenen Gegenständen über die Haut zu fahren, auch an Stellen, wo derjenige nicht berührt werden möchte – würde man wohl ins Gefängnis kommen. Aber es sind ja keine Menschen, sondern „nur“ Pferde. Deshalb finde ich die Idee so toll, die Pferde nicht anzubinden, so können sie (von der Idee her, die Umsetzung kann auch eine andere sein) weggehen, wenn ihnen etwas nicht gefällt und es kann auch eher ein Dialog entstehen.

Ab und zu kamen Jugendliche des Bugenhagener Berufsbildungswerkes auf den Hof. Diese hatten Lernschwierigkeiten/-behinderungen, körperlichen und/oder psychische Beeinträchtigungen. Abends nach dem Abendessen unterstützte ich Sascha bei der Beaufsichtigung dieser Jugendlichen und bei der Pflege, dem Umgang und dem Reiten der Pferde. Es war ein für mich völlig fremdes Gebiet und ich sammelte viele neue Erfahrungen. Während den Jugendlichen der Umgang mit Pferden gelehrt wurde, lernte ich die Ansätze des Umgangs mit besonderen Menschen.

Wenn es zeitlich passte durfte ich an den statt findenden Kursen teilnehmen: Geschicklichkeitstraining bei Carola, Massagekurs bei Laura und Geländetraining bei Sascha. Immer lernte ich spannende Sachen, die sich mir bis heute eingeprägt haben. Sascha erläuterte, dass man bei einem guten Dressurpferd nichts hört, weil es über den Platz zu schweben scheint, anstatt zu stampfen. Bei Laura spielte jeder Teilnehmer einmal Pferd und bekam einen Sattel samt Reiter auf die Beine gesetzt. Hätte ich schon vorher gewusst, wie stark man kleinste Gewichtsverlagerungen spürt, hätte ich mich wohl ruhiger im Sattel gehalten. Ab und zu schaute ich Rike beim gleichzeitigen Longieren ihrer beiden Pferde zu, wobei bei mir die Idee entstand mit meinen beiden Ponys auch gleichzeitig zu arbeiten, was ich kurze Zeit später auch in die Tat umsetzte.

 
 

Unentdeckte Möglichkeiten


Bei Marlie gab es eine Einstellerin, die ihren immer sauberen, schneeweißen wunderschönen Schimmel jeden Tag nach der Arbeit bis spät abends umtüttelte. Sie sprach mit ihm, putzte ihn und umsorgte ihn allumfassend. Mistete man gerade den Stall aus, während sie da war, konnte man zwei Stunden lang dem Gespräch zu hören. Am Anfang fand ich das ganz lustig, empfand es aber immer eher als Monolog. Ihr Pferd konnte die menschliche Sprache ja nicht verstehen und stumpfte dadurch gegenüber den Stimmkommandos ab. Als ich jedoch zurück war musst ich erschrocken feststellen, dass ich angefangen habe ungewollt und unbewusst mindestens genauso viel meine Pferde vollzuquasseln. :D Erst habe ich mich darüber geärgert, aber was ich ganz spannend fand ist, dass nicht irgendwas gequasselt wurde, sondern immer das, was man selbst vom Pferd empfängt: Die Einstellerin sagte zum Beispiel „Du hast Durst, warte ich gebe dir was“ „Nein, da ist nichts gefährliches, gehe ruhig weiter“ „Na gut, aber nur kurz grasen, gleich gehen wir weiter“. Wenn sie mit ihrem Pferd sprach, erzählte sie ihm nichts von oder über sich selbst, sondern es wirkte so, als würde sie das vom Pferd gemeinte aussprechen und darauf eine Antwort geben. Als ich vor kurzem ein Tierkommunikationsseminar mitgemacht habe musste ich erneut daran denken: War es nur die Körpersprache, von der sie die Wünsche ihres Pferdes abgelesen hat oder steckt da noch mehr hinter? Noch kann ich nicht mit voller Überzeugung sagen, dass ich an Telepathie und Tierkommunikation glaube, aber ich habe für mich erkannt, dass es noch etwas anderes zwischen Himmel und Erde gibt ..

Beim Lehren lernen


Am liebsten gab ich Kinderunterricht, es machte Spaß ihre Entwicklung zu sehen und ihre Freude, wenn schon kleine Dinge klappen. Sie waren wie sie sind, zeigten ihre Emotionen und haben sich nicht vor anderen verstellt. Wobei mir letztens der Gedanke gekommen ist, dass jemand der künstlich ist auch nicht so ist, sondern sich vor anderen so gibt. Jemand der künstlich ist hat die Kunst sich selbst zu erschaffen, sich selbst zu kontrollieren und zu dem zu machen, wer man sein will und nicht der, der man aufgrund der Erfahrungen geworden wäre. Aber haben nicht gerade auch die Erfahrungen etwas damit zu tun, das wir uns selbst produzieren können? All solche Gedanken gingen mir meistens beim Stallmisten durch den Kopf und als dann ein Reitschüler sagte „Ja wie alt bist du denn? Ich wollte mich schon bei Wolfgang beschweren, dass er Minderjährige hier so viel arbeiten lässt“- zu der Zeit war ich schon volljährig – machte ich mir Gedanken über Selbst- und Fremdwahrnehmung, über mich selbst, über Ausstrahlung und Selbstbestimmung. Wieder schweife ich vom Thema ab und mir fehlt der rote Faden, nun ja, das kann ich auch erklären. Normalerweise habe ich ein Konzept oder Stichpunkte, die ich nach und nach abarbeite und meine Gedanken dazu notiere. Bei Kursberichten habe ich zettelweise Notizen, die ich sortiere und formuliere. Hier ist es etwas anders, ich sitze gerade in einem kleinen Waldstück an einem Teich neben meiner Uni und versuche alles aus meinen Erinnerungen einzutippen, bevor ein Gedanke wieder verschwindet. Ab und zu drücke ich auf „Speichern“, ansonsten folgen die eingetippten Buchstaben nur meinen brüchigen Erinnerungen kombiniert mit meinen heutigen Gedanken. Nun gut, wir waren bei den Reitstunden stehen geblieben. Ich liebte es wie gesagt den Kindern Unterricht zu geben und über jedes selbstgemalte Bild oder selbstgeflochtene Armband habe ich mich gefreut. Immer noch habe ich einen kleinen Karton mit selbstgebastelten und gemalten kleinen Geschenken in meinem Zimmer stehen. Allerdings empfand ich es als etwas schwierig die Bedürfnisse des Pferdes und des Kindes unter einem Hut zu bekommen, aber das ist wohl gerade die Herausforderung, dass man versucht zwischen zwei verschiedenen Lebewesen eine Brücke zu erschaffen.

Wahrscheinlich habe ich selber mehr gelernt als die meisten Reitschüler von mir. Als Beispiel hatte ich einmal eine Reitschülerin, die ihr Pferd mit Hilfe ihrer Körperenergie und ggf. noch der Schwimmnudel in den verschiedenen Gangarten außen herum treiben sollte. Ich erklärte ihr, dass ihr Pferd sie spiegelt – wenn sie mehr Energie zeigt wird auch ihr Pferd schneller. In einem Moment wo sie gerade ganz ruhig in der Mitte stand knatterte etwas im Wald und das Pferd stürmte los. Sie fragte mich dann, wieso das Pferd sie nicht gespiegelt hätte, wie ich es am Anfang erklärt hätte und brachte mich damit ganz schön in Verlegenheit. Letztlich ist das Pferd halt nicht nur Spiegel unserer selbst, sondern es spiegelt seine komplette Umgebung, zu der wir zum Teil auch dazuzählen, aber kein Alleinstellungsmerkmal haben.

Es gab dort ein Pferd namens Grace, welches immer sehr um seine körperliche Unversehrtheit bemüht war. Satteln oder putzen war eine wirkliche Herausforderung, nach einiger Zeit lernte ich, dass es der einfachste Weg war ohne zu zögern den Sattel drauf zu schmeißen und die heranzischende gebleckte Pferdenase einfach zur Seite zu schieben. Eine Schülerin von mir hatte sich nun gerade dieses Pferd ausgesucht und ich ließ sie die ersten Minuten frei gewähren. Innerlich bereitete ich mich schon auf eine erneute Auseinandersetzung mit Grace vor, als ich bemerkte, dass Grace ganz ruhig dastand, während das Mädchen sanft mit den Fingern über ihr Fell glitt. Sie konnte sie überall berühren und sogar satteln, ohne dass Grace auch nur die Ohren zurück genommen hat. Einfach nur aufgrund ihrer enormen Sanftheit, bei der auch das ängstlichste Pferd des Hofes keine Sorgen mehr haben musste.

Im Winter waren die Tränken zugefroren und wir mussten regelmäßig Wasser kochen, um sie aufzutauen. Nebenbei noch die üblichen Arbeiten wie Misten, Füttern, Pferde rein und rausbringen und Medikamente geben. Am Ende war man eingefroren und musste aufpassen keine Frostbeulen zu bekommen. Zu der Zeit war sogar der Unterricht eine Qual, auch wenn man sich in mehrere Decken gehüllt hat. Das war wohl auch der Zeitpunkt, wo ich mich entschloss hauptberuflich kein Reitlehrer werden zu wollen. Ständig war man im Nassen oder Kalten. Im Sommer ist es zwar ein Traum und man war ständig draußen an der frischen Luft, aber der Rest des Jahres ... Und irgendwie habe ich die Hoffnung in meinem Leben noch etwas anderes zu erreichen. Ich denke schon, dass es sehr wichtig ist sein Leben zu genießen und glücklich zu sein, aber irgendwie habe ich mein Glück in der Idee gefunden, dass der Sinn des Lebens für mich bedeutet eine Kleinigkeit in der Welt zu verbessern. Die Anpassung des Lifestyls spielt dabei eine Rolle, aber auch die Wahl des Studiums. Im nach hinein war die Zeit bei Marlies wohl auch eine Findungsphase für mich. Viele Gäste habe ich nach ihren Berufen gefragt und mich am Ende dazu entschieden Tiermedizin zu studieren, ohne irgendwann mal praktizierender Tierarzt werden zu wollen. Mein aktueller Traum ist es den Master Umweltwissenschaften anzuschließen und in dem Bereich Tier- und Umweltschutz tätig zu werden. Mal schauen was daraus wird oder wie meine Ziele sich im Laufe der Zeit verschieben ..

Normalerweise aß ich mit Rike gemeinsam in einem kleinen Personalraum zu Abend, nur während Januar/ Februar der Reitschulbetrieb eingestellt wurde und keine Gäste mehr da waren aßen wir alle gemeinsam oben zu Abend. Oft wurde nach dem Essen noch ein wenig geplaudert, Rike erzählte einmal von ihrem vorherigen Journalisten Job und Wolfgang hat davon berichtet, dass er eine Zeit komplett ohne Zügel geritten ist. Inzwischen hätte er aber die Zügel wieder dazu genommen, weil das einfach ein weiteres Hilfsmittel ist, um dem Pferd etwas zu vermitteln. Das fand ich super spannend, da mir schon manchmal der Gedanke gekommen ist, dass jegliche Formen von Zäumungen um den Kopf recht brutal sind. Wenn wir uns selbst mal vorstellen, dass unser Kopf mit Riemen verschnürt und daran gezogen wird ist das nicht so angenehm. Aber es stimmt, lassen wir jeglichen Kopfkontakt weg, haben wir auch ein Hilfsmittel weniger zur Verfügung. Es ist also für ein besseres Verständnis auf jeden Fall sinnvoll und eine Zeit lang habe ich nun auch meine Ponys am Kappzaum ausgebildet. Trotzdem sehe ich meine Zukunft in der Freiarbeit mit meinen Pferden. Manchmal bin ich zu ehrgeizig und versuche etwas durchzusetzen, in der Freiarbeit kann mir das nicht passieren, weil meine Pferde dann einfach weggehen würden (unter der Voraussetzung, dass das Pferd nicht nur körperlich frei ist, sondern wir hier auch von psychischer Freiarbeit sprechen).

Die Psychologie des Reitpferdes


Die Trainingsmethode bei Marlies ist schwer einzuordnen. Es wird mit Leckerlis gearbeitet, aber nicht nach Clicker Training. Die Technik orientiert sich eher an einem sehr sanft ausgeführten Horsemanship kombiniert mit klassischen Grundätzen. Besonders Wolfgangs Interpretation der Skala der Ausbildung ist super interessant, da vor den eigentlichen Punkten noch „Freundschaft“ und „Engagement“ steht. Klasse, oder? Anstatt mit Gerten wurde mit Schwimmnudeln gearbeitet, welche aus Schaumstoff bestehen und dem Pferd so keine Schmerzen bereiten können. Mit der Schwimmnudel wurden verschiedene Vokabeln gelehrt: waagerecht war sie eine treibende Hilfe, senkrecht eine einladende. Und so wie dort immer gesagt wurde: Eine Hilfe ist dafür da dem Pferd zu helfen.

Am Ende meiner Zeit bei der Reiterpension konnte ich auch einmal bei einem Kurs bei Wolfgang mitmachen. Es gab dazu eine Tafel, worauf auf einer Seite stand „Für mein Reiten wie von Zauberhand bewegt ist nicht entscheidend, wie viele Technik ich beherrsche, sondern wie viel gedankliche Zuneigung ich für mein Pferd entwickeln kann“ und auf der anderen Seite „Es gibt kein Problempferd nur Pferde in Schwierigkeiten“ – ach, ist das nicht toll formuliert? Der Kurs war etwas anders aufgebaut als gewöhnlich, es hatte nicht jeder ein Pferd mit dem man trainiert hat, stattdessen saßen wir alle in einem Halbkreis, und Wolfgang erzählte uns was vom Pferd ;) zwischendurch demonstrierte er etwas an einem Schulpferd oder Besitzer kamen mit ihren eigenen Pferden in die Halle und es wurde an den Problemen gearbeitet. Einmal sollten alle Zuschauer aufstehen und kreuz und quer durch die Halle gehen, danach alle in eine Richtung und auf ein Signal hin in die andere. Das Pferd folgte und drehte mit uns in die andere Richtung um. Es war spannend zu sehen, wie sich das Pferd schnell anfing zu beruhigen und sich an uns Menschen orientierte. Als es zu kalt wurde gingen wir ins Kaminzimmer und es wurden Filmausschnitte gezeigt, Kapitel aus Büchern vorgelesen und zur allgemeinen Diskussion angeregt. Bei einen dieser Filme gab es ein kleines Shetty, welches eine Stute gegen einen großen Hengst verteidigt hat. Es war ein wunderbares Beispiel dafür, dass es nicht auf die körperliche Stärke, sondern auf die Ausstrahlung ankommt.

 
 

Verbindung bleibt


Nach etwas mehr als einem halben Jahr beendete ich nach Absprache das Praktikum aus verschiedenen Gründen. Zum einen war es finanziell schwierig, da ich meinen kompletten Verdienst schon für die monatliche Zugfahrt nach Hause ausgeben musste, aber ja trotzdem noch von etwas mein Mittagessen und meine Pferde zu Hause bezahlen musste. Zum anderen vermisste ich meine Pferde und wollte in dem restlichen halben Jahr vor Studiumbeginn noch etwas anderes erleben und andere Orte und Trainer sehen. Im Nachhinein weiß ich, dass das Praktikum die richtige Entscheidung war und noch heute spüre ich eine Verbindung: Erst vor ein paar Tagen saß ich noch in Livno in Bosnien und starrte auf den Hügel, wohinter das Reich der Wildpferde begann, als das Mädchen, welches ebenfalls am Wildpferde Workshop teilgenommen hat, erzählte, dass sie gerade erst ein Probepraktikum bei Marlies gemacht hat, aber u.a. wegen den Haltungsbedingungen sich dagegen entscheiden hat. Ein anderes Mal gab ich gerade eine Reitstunde in Braunschweig, wo eine andere Reiterin plötzlich anfing zu zischen, als sie ihr Pferd rückwärts schicken wollte.

Woher nehmen wir uns das Recht .. ?


Für kurze Zeit habe ich während meiner Zeit bei Marlies auch meine Ungewissheit im Bezug darauf verloren, ob man Pferde überhaupt trainieren darf. Wolfgang hat oft gesagt, dass Training für die Pferde Abwechslung und Zuspruch sei und sie nicht nur wie die Zootiere die Zeit in einem Käfig ausharren müssen. Die Idee ein gefangenes Tier zu trainieren – um ihnen etwas Gutes zu tun – erschloss sich mir recht schnell. Jedoch stellt sich mir heute die Frage, woher ich mir das Recht nehme mein Pferd einzusperren. Ihm seine Freiheit zu nehmen… Seit ich die Tage bei den Wildpferden verbracht und in Erfahrung gebracht habe, dass man dort Pferde auswildern kann, lässt mich der Gedanke nicht mehr los. Meine Pferde sind für mich alles, mein Leben, meine Liebe. Sie haben mich alles Relevante gelehrt was ich heute weiß, mich zu dem Menschen gemacht der ich heute bin und mir ihre Welt gezeigt. Ihnen ihre Freiheit zurück zu geben wäre das Mindeste, was ich für sie tun kann.

Begegnungen formen die Ewigkeit

Ich denke, dass jeder Mensch unendlich lange lebt, da er in seinem Leben viele Begegnungen mit anderen Wesen auf dieser Erde hat. Und jedes Wesen dieser Begegnung trägt ein Teil des anderen in sich. Wir verändern die Welt, ob wir es wollen oder nicht, aber es ist unsere Entscheidung in welche Richtung. Die Zeit wird mir für immer in Erinnerung bleiben und jedes Erlebnis und jedes Wesen, welches ich in dieser Zeit getroffen habe, hat Einfluss auf meinen Lebensweg genommen und ein Puzzlestück mehr zu meinem eigenem Ich geformt. Jedes Pferd und jeder Mensch, dem ich dort begegnet bin, hat mir einen Gedanken oder ein Gefühl geschenkt, welches ein kleiner Baustein eines großen Ganzen geworden ist. Das große Ganze wächst von Tag zu Tag und bleibt flexibel, wie ein Sonnenstrahl, welcher auf unsere Erde trifft.
Ayrin Piephoh
Ayrin Piephoh
20 Jahre jung, Veterinärmedizin Studentin, Verhaltenstrainerin für Pferde und kommt aus Niedersachsen, nähe Hannover

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