Philosophie

Liebe zeigt den Weg

Viele suchen das Gefühl des Glücks im unendlichen Wissen, dabei braucht man kein Wissen um glücklich zu sein. Man muss nur anfangen zu lieben, denn nichts ist so stark wie das Gefühl der Liebe und geliebt zu werden. Aber wieso hören wir dann so oft auf unseren Kopf und nicht auf unser Herz?

Bereits die erste Begegnung mit meinem Pferd Gynger lies mein Herz höher schlagen und obwohl mein Kopf `Nein´ zu ihr gesagt hat – sie war ein gerade erst angerittenes, eigenwilliges und zickiges Pony und ich war anfänglich vollkommen überfordert mit ihr – konnte sich mein Herz schnell kein Leben mehr ohne sie vorstellen. Der Kauf von Gynger war eine reine Herzensentscheidung und hat mir zu meinem persönlichen Glück auf vier Hufen verholfen. Wir haben ziemlich schnell zueinander gefunden - die Liebe die ich Gynger gegenüber inzwischen empfinde ist nicht mit Worten zu beschrieben. Vor mittlerweile vier Jahren hat sie ein Fohlen namens Gyves bekommen, seitdem sind wir ein unschlagbares dreier Team (Gynger/Gyves + Ayrin = GyAy). Die beiden haben mir alles beigebracht, was ich heute über Pferde weiß und in meinen Unterrichtstunden weiter tragen darf. Sie haben mir gezeigt, dass man immer seinem Herzen folgen und niemals aus Ehrgeiz, Ungeduld, Angst oder Wut handeln sollte.

Entscheidend bei dem Umgang mit Pferden ist nicht die korrekte Ausführung einer Lektion, sondern der Weg dahin, welcher von Liebe geprägt sein sollte (Liebe zeigt den Weg).

Aber was zählt zu einem liebevollen Umgang? Wir müssen einerseits dafür Sorge tragen, dass es dem Pferd körperlich gut geht, andererseits, dass es auch geistig die Möglichkeit hat sich voll zu entfalten. Wir sollten immer aus Liebe handeln und uns fragen, ob wir auch so mit einem menschlichen Freund umgehen würden, wie mit unserem Pferd. Ein liebendes Auge verzeiht Fehler, es ist nicht auf das Ziel fokussiert und verliert das Wesen nie aus dem Auge. Es ist egal welche Lektion man übt oder welcher Reitweise man angehört um das Pferd psychisch und physisch fit zu halten. Das Ziel der gemeinsamen Arbeit sollte immer eine tiefgehende Freundschaft sein, welche auf einer feinen Kommunikation beruht.

Empathie, Harmonie und Sympathie

 
 

Tiere in Gefangenschaft leben immer auf demselben Fleck, bekommen jeden Tag zur selben Zeit ihr Futter und leben oft ein trostloses und eintöniges Leben, ohne geistig oder körperlich gefördert zu werden.

Unsere Hauspferde können nun entweder das Glück haben mit uns gemeinsam Zeit zu verbringen, in der sie sich zu ihrer vollen Größe entfalten können und die Möglichkeit haben Wälder und Felder außerhalb ihres Stalles zu sehen. Wenn es dabei zu einer feinst möglichen Kommunikation zwischen Pferd und Mensch kommt kann man dem Pferd mehr Freiheiten bieten und die Wünsche von ihren Augen ablesen.

Sie können aber auch das Pech haben jeden Tag mit Angst vor der nächsten Reitstunde in ihrem Stall zu warten, in der sie wieder und wieder zu einem stummen Befehlsempfänger werden, dessen Empfindungen nicht wahrgenommen werden. Man muss sich einmal in die Lage des Pferdes hineinversetzen: ein Pferd weiß nie, was auf es zukommt, wenn wir den Stall betreten. Gerade zu Anfang sind wir für das Pferd unberechenbare Geschöpfe welche Dinge auf Kommando verlangen, die das Pferd vorher nur gemacht hat, wenn es diese gerade für nützlich empfunden hat. Damit ein Pferd nicht voller Unsicherheit auf die nächste Stunde mit uns wartet ist es wichtig, dass wir berechenbar bleiben. Wenn wir unser Pferd wie aus dem Nichts mit einer Gerte touchieren, wird es sich erschrecken und immer eine gewisse Anspannung in sich behalten, wenn wir dem Pferd stattdessen vorher ein Warnsignal geben, dies kann ein Geräusch oder ein körperliches Signal sein, bleiben wir für das Pferd berechenbar und es weiß, was als nächstes passiert.

Wie erkläre ich es dem Pferd?

Man kann das Pferd mittels verschiedener Aktionen zu einer Reaktion bringen, u.a.:
1. Atemtechnik
2. Fokussierung
3. Energie und Bewegung
4. Stimmkommando
5. Berührungspunkte (Berührung an dem zu weichenden Körperteil)

Wenn man die Reaktion auf die Aktion positiv verstärkt (Leckerlis, Kraulen, Stimmlob und/ oder Pause) kann man dem Pferd erklären, was man von ihm will. Das Ziel hierbei ist es, dass das Pferd auf kleinste Signale (Geflüster) reagiert, denn das ist das, was einen Pferdeflüsterer aus macht. Ein Pferdeflüsterer hat es nicht nötig die Stimme zu erheben, starken Schenkeldruck oder schmerzhaften Zügelzug auszuüben. Das Pferd reagiert bereits auf minimale Veränderungen, denn mehr ist nicht nötig um ein Pferd um etwas zu bitten.

Wenn man zum Beispiel möchte, dass das Pferd rückwärts geht, kann man zuerst tief einatmen und die Brust des Pferdes fokussieren, sich dabei innerlich aufbauen und einen Schritt auf das Pferd zu tun (Bewegung), anschließend ein Stimmkommando wie Schnalzen als treibende Hilfe geben. Am Ende kann man die Hand auf die Brust des Pferdes legen und leichten Druck ausüben (Berührungspunkt). Durch strikte Einhaltung der langsam aufbauenden Hilfen lernt das Pferd schnell bereits auf das erste und damit kleinste Signal zu reagieren (hier Atemtechnik und Fokussierung).

Ein Pferd reagiert bereits auf die Berührung einer Fliege, mehr Druck muss deshalb nie verwendet werden, um dem Pferd etwas zu erklären. An diesem Punkt unterscheidet sich mein Training von dem der meisten anderen Horsemen, da ich nicht über Druckpunkte mit einer Drucksteigerung bis zu der gewünschten Reaktion arbeite, sondern mit Berührungspunkten, mit welchen man Pferde um die gewünschte Bewegung bittet und nicht zwingt. Anstatt den Druck bis zu einer Reaktion zu steigern gibt es bei mir nur zwei Stufen: erstens Anlegen, zweitens Tippen. Falls das Pferd auf das Tippen nicht reagiert versuche ich es dem Pferd anders zu erklären, da es das Signal anscheinend noch nicht verstanden hat, wenn das Pferd wie gewünscht reagiert clicke und belohne ich.

Sollte das Pferd vor der Berührung nicht weichen hat es unsere treibende Hilfe noch nicht verstanden oder ist gerade nicht in der Lage sich auf uns zu konzentrieren und einzulassen. Sollte dies der Fall sein, müssen wir erst die Atmosphäre und das Umfeld überprüfen (Passt die Zäumung? Vermisst das Pferd seine Artgenossen? Gibt es einen größeren Störfaktor etc.) und dürfen auf gar keinen Fall den Druck weiter erhöhen. Beim zweiten Versuch (ggf. nach Entfernung des Störfaktors) wird versucht bereits schon die kleinste Tendenz nach hinten zu belohnen (selbst wenn das Pferd nur sein Gewicht nach hinten verlagert), um dem Pferd das Signal zu erklären. Sehr gerne arbeite ich an dieser Stelle auch frei und verwende anstelle einer Gerte einen durchgetrockneten Stock, da man dadurch nicht in Versuchung kommt zu starken Druck aufzubauen.

Komplett auf Druck zu verzichten finde ich momentan noch zu schwer und ich bin mir auch noch nicht sicher, ob ich dies für mich erreichen will, da eine Kommunikationsform (u.a. auch das Treiben) komplett wegfällt. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Pferd anfänglich nur über Versuch und Irrtum – „Warm“ oder „kalt“ – lernt. Es ist ein bisschen wie beim Topfschlagen: Wir wollen etwas vom Pferd, das Pferd weiß aber nicht was. Wenn man Topfschlagen nur mit „warm“ spielt steht der Spieler oft ohne Feedback da, genauso wie ein Pferd, welchem man nur „richtig“ sagt. Wenn man stattdessen leichte Hinweise gibt „Nein, noch ein bisschen nach rechts“ bekommt das Pferd eine viel größere Hilfestellung. Vielleicht ist es auch nur eine Frage der Intention, will ich meinem Pferd wirklich helfen die Lösung zu finden oder es in eine von mir gewünschte Form zwängen?

Aber wie sagen wir dem Pferd, was „warm“ und was „kalt“ ist? „Warm“ muss für das Pferd etwas positives sein, z.B. Stimmlob, Leckerlis oder Kraulen (Clicker-Training ist hierbei hilfreich), wonach es sich lohnt weiter in die Richtung zu suchen, „Kalt“ sollte etwas negatives sein, wo das Pferd weiß „ah, hier bin ich falsch“. Allerdings sollte „Kalt“ nicht so negativ sein, dass das Pferd den Spaß am Spiel verliert, sondern es sollte nur ein leichter Hinweis sein „in diese Richtung brauchst du nicht weiter zu suchen“. Dies kann schon alleine dadurch erzeugt werden, dass die erwartete Belohnung ausbleibt (negative Strafe – etwas Positives wird entzogen). Wenn das Pferd nun aber zum Beispiel rechts sucht, dann können wir zwar die falsche Richtung ignorieren, aber dabei geben wir dem Pferd noch keine direkte Hilfestellung. Als direkte Hilfestellung kann man beispielsweise einen Kappzaum, eine Gerte oder ein Target dazu nehmen und das Pferd in die richtige Richtung ziehen, treiben oder locken. Was mir bei dem Kappzaum und bei der Gerte wichtig ist, ist dass das Pferd das Signal bereits versteht, die Hilfsmittel auch wirklich als Hilfe ansieht und dass keine Steigerung des Drucks erfolgt! Man legt beispielsweise die Gerte an die rechte Seite des Pferdes und bei einer fehlenden Reaktion, darf die Gerte maximal leicht angetippt werden. Wenn weiterhin keine Reaktion kommt hat das Pferd noch nicht verstanden, dass es von der Gerte weichen soll und eine zusätzliche Drucksteigerung wäre dem Pferd gegenüber unfair und ein Vertrauensbruch.

Wie verstehe ich mein Pferd?

Wo wir nun eine Idee haben, wie wir dem Pferd etwas erklären können, fehlt nur noch die Möglichkeit das Gesagte vom Pferd zu verstehen, damit das Pferd nicht zum stummen Befehlsempfänger, sondern zum aktiven Gesprächspartner wird. Wir versuchen nun vom Pferdeflüsterer zum Pferdezuhörer zu mutieren. Dazu müssen wir die Sprache des Pferdes lernen, indem wir viel Zeit mit ihm verbringen und seine Reaktionen auf verschiedene Reize beobachten.

Daraus resultieren die nächsten fünf Kommunikationspunkte, die nicht darauf basieren, wie man sich dem Pferd gegenüber verständlich macht, sondern wie man die Pferdesprache lernt:

1. Pferde untereinander (in einem möglichst naturnahen Umfeld) beobachten
2. Die Reaktion der Pferde auf verschiedene Umweltreize beobachten
3. Nach Mitteilungsversuchen des Pferdes dem Menschen gegenüber zu suchen
4. Seinen Blick auf kleinste Veränderungen des Pferdes in Mimik und Körpersprache schärfen
5. Sich in das Pferd mit dessen persönlichen psychischen und physischen Bedürfnissen hineinversetzen

Wichtig bei diesem Schritt ist es, sich selbst zurückzunehmen und nur zum stillen Beobachter zu werden. Auch später während des Trainings muss man immer beachten zwischendurch selbst innerlich runterzufahren und dem Pferd die Möglichkeit dabei zu geben sich mitzuteilen, da geringfügige Veränderungen in Körpersprache und Mimik leicht übersehen werden können. Wenn wir auf kleinste Gesten des Pferdes achten sind diese nicht gezwungen (zum Beispiel in Form von beißen oder treten) lauter zu werden.

Im Gespräch mit dem Pferd

Es kommt nicht nur darauf an das Pferd verstehen zu lernen, man muss dem Gesagten auch einen Wert geben und in das Training mit einbeziehen. Die nächsten Punkte können einem dabei helfen:

1. Ideen des Pferdes aufgreifen, wenn ein Pferd von sich aus eine neue Lektion anbietet (z.B. Steigen beim freien Spielen) kann man dies positiv bestärken und in das Training mit einbauen
2. Fragen des Pferdes beantworten, z.B. kann es passieren, dass das Pferd nach Scheitern einer Aufgabe (z.B. einen Apfel aus einen Eimer Wasser zu fischen) sich uns „nach Hilfe schauend“ zuwendet – eine Frage abzuschlagen wäre dem Pferd gegenüber sehr unhöflich und kein partnerschaftliches Verhalten
3. Launen berücksichtigen, z.B. einem müden, von Bremsen geplagten Pferd in der Mittagszeit lieber eine Dusche oder Kraulstunde im Schatten gönnen, anstatt eine intensive Trainingseinheit.
4. Bemühungen wertschätzen, auch wenn das Pferd etwas nicht hinbekommen hat, es dazu ermutigen weiter zu machen und nicht zu bestrafen! Das Pferd soll keine Angst davor bekommen Fehler zu machen.
5. Ja bestärken und Nein akzeptieren – „Was ist ein Ja Wert, wenn ein Nein (des Pferdes) verboten ist?“

Kommunikation bedeutet hierbei also nicht, dass das Pferd zum unmündigen Befehlsempfänger wird, sondern, dass ein Dialog aufgebaut wird. Dieser Dialog basiert einerseits darauf seine eigenen Wünsche, Fragen und Empfindungen dem Pferd gegenüber mitzuteilen, andererseits den Gemütszustand, die Ideen und die Bedürfnisse des Pferdes zu verstehen. Um einen Dialog aufzubauen sind eine positive und entspannte Arbeitsatmosphäre und die Befriedigung der psychischen und physischen Grundbedürfnisse des Pferdes von Nöten. Eine feine Kommunikation gibt uns die Möglichkeit die Wünsche unserer Pferde von ihren Augen abzulesen und ihnen einen Teil ihrer Freiheit zurückzugeben. Damit hat man die Chance seine Kindheitsträume auszuleben, welche in den Pferdefilmen vorgeführt werden – mit seinem Pferd in absoluter Harmonie, Freiheit und Freundschaft über Wälder und Felder zu laufen.

Egal wie ungewöhnlich der eigene Weg sein sollte, solange man dem Pferd in die Augen schauen und sagen kann „ich tue dies für dich, weil ich dich liebe“ ist es der richtige Weg. Mit einem liebevollen Umgang dem Pferd gegenüber kann man so viel mehr erreichen, als mit einem dominanten Verhalten, Strenge und Reglementierungen – man hat die Chance einen Freund dazu zu gewinnen. Alles was man mit Pferden macht, tut man für die Beziehung, Freude am Miteinander und sich selbst und nicht für andere. Man sollte sich nicht nur das Endergebnis der Profis anschauen die schwerste Lektionen mit ihren Pferden ausführen können, sondern auch deren Weg, der dahinter liegt, ist dieser voller Tränen oder Liebe?

Schaut eurem Pferd in die Augen und sagt ihm „Ich liebe Dich!“, danach denkt an alles Erlebte und Geschehene und fragt euch, liebt euer Pferd euch auch und habt ihr dessen Liebe verdient?