Als Kind hatte ich viele Tagträume von einem großen, starken und stolzen Pferd, welches frei über grüne Wiesen und durch dichte Wälder galoppierte und dessen Vertrauen ich gewinnen wollte. Ich wollte mit diesem Pferd Abenteuer durchleben und es sollte zu meinem besten Freund werden.

Doch was ist aus diesen Träumen geworden?
Als ich mit fünf Jahren zu Voltigieren und Reiten anfing, holte ich mein Schulpony aus einer kleinen und dunklen Box, wo es isoliert, anstatt auf einer großen grünen Weide stand. In der Reitstunde folgte ich in der staubigen Reithalle nur stumm den Anweisungen des Reitlehrers, so wie auch mein Schulpony nur meine Befehle gehorcht hat. Falls es sich mal widersetzte wurde das Gebiss durchs Maul gezogen oder die Schenkel immer wieder in seinen Bauch geschlagen. Da niemand auf die Gefühle des Schulponys gehört hat, als es leise Andeutungen machte, hat es angefangen „lauter“ zu werden und sich zu widersetzen.

Nachdem ich viele Male von diesem Pony runtergeflogen bin, wurde ich zu einer sehr ängstlichen Reiterin. Etwas wie Liebe habe ich zu diesem Zeitpunkt den Schulpony gegenüber nicht empfunden. Ich war fest davon überzeugt, dass Pferde einen „auf die Probe stellen“ und man ihnen gegenüber zeigen muss wer der Chef ist. Auf die Idee, dass dieses arme Schulpony einfach nur als Lebewesen beachtet werden wollte, bin ich damals leider noch nicht auf die Idee gekommen … Mit zehn Jahren war ich über die Sommermonate eine Zeit bei meiner Oma zu Besuch, dessen Lebensgefährte einen Reiterhof hatte. Dort lernte ich Gynger kennen. Sie und ihre 2012 geborene Tochter Gyves haben mich wieder an meine Kindheitsträume erinnert und das Erstreben einer echten Freundschaft in den Vordergrund gerückt. Die beiden sind meine allerliebsten Professoren und haben mich alles gelehrt, was ich heute über Pferde weiß. Wir drei haben zueinandergefunden, sind aneinander gewachsen und haben aus unseren Fehlern gelernt und an unseren Problemen gearbeitet.

Meine beiden Pferde haben mich gelehrt, dass auch Tiere einen Anspruch auf ein Leben in größtmöglicher Selbstbestimmung haben, denn nur wenn man ihnen Mitspracherecht zugesteht, können Sie sich körperlich und geistig voll entfalten und es besteht die Möglichkeit eine echte Freundschaft aufzubauen. Inzwischen beschäftige ich mich immer mehr mit der „mit Pferden sein“ Thematik und bin immer wieder überrascht, was für Auswirkungen es auf einen haben kann. Mit den Pferden „nichts zu tun“ und wie dies das Vertrauen und die Beziehung noch weiter verbessern kann. Eine unserer schönsten Momente war nicht der, wo wir eine neue Lektion erarbeitet haben sondern als Wir gemeinsam an einem warmen Sommertag verweilt haben – den Erdboden unter, die Sonne über, ein Lufthauch zwischen uns – Wir haben die gleiche Luft eingeatmet und unsere Herzen schlugen im Einklang. Es durchströmte eine tiefe Ruhe. Man fühlt sich geborgen, angenommen und respektiert. Pferde achten nicht auf Äußerlichkeiten, sondern akzeptieren einen vorurteilslos so wie man ist. Meine Pferde haben mich zu der veganen Lebensweise gebracht, aus Anerkennung und Respekt dem Lebens gegenüber. Wie kann ich einen lieben und den anderen essen? Meine Liebe zu meinen Pferden hat sich zu einer Liebe dem Leben gegenüber gewandelt und ich will mein Leben den Tieren widmen, um ihnen psychisch und physisch zu entfalten. Aus diesem Grund engagiere ich mich ehrenamtlich im Tier- und Umweltschutz, habe das Studium der Veterinärmedizin begonnen und werde den Mater Internationale Umweltwissenschaften anschließen. Nachdem mir meine Pferde alles über ihre arteigene Kommunikation beigebracht und wir Wege gefunden haben, uns untereinander zu verständigen, fing ich an mich extern durch das studieren von Fachliteratur, regelmäßigem Unterricht und die Teilnahme an verschiedenen Kursen weiterzubilden:

An meine Kindheitsträume erinnert war ich von der gezeigten Freiheitsdressur bei verschiedenen Shows und Messen fasziniert und besuchte dementsprechend Kurse bei verschiedenen Natural Horsemans:

Natural Horsemanship

Obwohl ich bei diesen Kursen viel gelernt habe, fehlte mir immer das Gewisse etwas. Ich lernte, wie ich dem Pferd etwas erklären kann, wie ich das Pferd dazu bringen kann das zu tun, was ich will, aber nicht wie ich das Pferd verstehen, seine Ideen aufgreifen und Wünsche erfüllen kann. Langsam fing ich an andere Wege zu suchen, verbrachte ein halbes Jahr bei der Reiterpension Marlie und besuchte Trainer, welche andere Wege gingen:

New Ways

Nachdem ich, vorrangig durch Erfahrungen und Beobachtung meiner eigenen Pferde und die Teilnahme der oben genannten Kurse, viel über die Pferdepsychologie gelernt und es geschafft habe, eine feine Kommunikation und eine freundschaftliche Beziehung zu meinen Pferden aufzubauen , habe ich angefangen mich mehr mit dem Körper des Pferdes zu beschäftigen sowie regelmäßigen Unterricht mit Schwerpunkt bei der akademischen Reitkunst zu nehmen.

Gymnastizierung

Neben meinem Studium habe ich vergangenes Jahr begonnen, mein erlerntes Wissen in Form von mobilem Reitunterricht im Raum Hannover und privat organisierten Kursen deutschlandweit weiter zu geben.

 
 
 

Mein Seelenpferd Gynger

G ynger ist seit ihrem vierten Lebensjahr an meiner Seite. Sie ist das Pferd, welches meine Trainingsphilosophie am meisten geprägt und mich zu dem Menschen gemacht hat, welche ich heute bin. Sie war das erste Pferd, mit dem ich so arbeiten konnte wie ich wollte, ohne einen Befehl eines brüllenden Reitlehrers in der Mitte oder tuschelnde Zuschauer an der Bande. Obwohl wir viele Fehler gemacht haben und in vielen Sackgassen gelandet sind, haben Wir es geschafft zueinander zu finden und aus unseren Problemen zu lernen.

Die wichtigste Lektion die sie mir beigebracht hat ist wohl die selbst Ruhe auszustrahlen, dem Pferd zuzuhören, es nicht ständig vollzudröhnen und mit Reizen zu überfluten. Gynger selbst war ein sehr unsicheres Pferd und da ich auf kleine Veränderungen ihrer Mimik nicht reagiert und meine Handlungen nicht ihre Emotionen entsprechend angepasst habe, war Sie gezwungen „lauter“ zu werden, um sich Gehör zu verschaffen. Wenn ihre Unsicherheit und ihre Besorgnis mir gegenüber bei der Bodenarbeit oder beim Führen zu groß wurde, hat Sie sich losgerissen und ist auf Abstand gegangen. Ich war für Sie ein unberechenbarer Mensch, bei dem Sie weder Vertrauen noch Sicherheit gefunden hat. Da ich körperlich nicht in der Lage war Sie festzuhalten, fingen wir an frei zu arbeiten. Ich versuchte vorhersehbar zu handeln, mehr auf Sie zu achten und ihr den Bereich bei mir regelrecht zu versüßen. Unser inneres Band wuchs so von Tag zu Tag weiter. Inzwischen ist Sie eine stolze und selbstbewusste Pferdemama. Sie hat sich zu einer unglaublich ehrgeizigen und wunderschönen Pferdedame entwickelt, welche voller Freude blubbernd ihre Lieblingslektionen demonstriert und mir jeden Morgen freudig entgegenwiehrt.

Die Liebe die ich Gynger gegenüber empfinde ist nicht mit Worten zu beschreiben. Sie zaubert mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und hat meinen Lebensweg maßgeblich beeinflusst. Ich bin tagtäglich unglaublich dankbar, dass unsere ganz besondere und einzigartige Verbindung spüren darf. Ich liebe es einfach neben ihr verweilen zu dürfen, ihr in die großen kastanienbraunen Augen zu schauen und von ihren weichen Nüstern über das Gesicht gestrichen zu werden.


Gemeinsam Sein

 
 
 

Mein Herzenspferd Gyves

E s war ein Sonntagnachmitttag um 14 Uhr, als Gynger in Anwesenheit von mir und meinen Eltern ihr Stutfohlen Gyves gebar – ein magischer Augenblick, der mir nicht nur eine neue tierische Gefährtin sondern auch eine neue Sichtweise dem Leben gegenüber schenkte. Ich kenne Gyves seit ihrem ersten Atemzug und dementsprechend verbindet uns ein ganz besonderes, inniges und intensives Band.

Gyves ist ein unglaublich ehrgeiziger Jungspund, welche sich immer freut alle ihre neuen Ideen präsentieren zu können, jedoch kann Sie auch sehr sprunghaft sein. In einem Moment sortiert Sie noch hoch konzentriert ihre vier Beinchen, im nächsten setzt sie schon einem vorbei fliegenden Schmetterling hinterher. Bei ihr muss man auch immer exakt darauf achten, gerecht zu handeln und immer mit und nicht gegen Sie zu arbeiten da sie sonst sofort die Arbeit verweigert. Gyves ist das erste Pferd, welches ich ganz alleine vom ersten Tag an ausbilden durfte und Sie hat mir diesen Sommer gezeigt, dass es beim Einreiten keineswegs zu Abwehrreaktionen, wie z.B. steigen, buckeln oder treten kommen muss. Wenn das Vertrauensverhältnis stimmt und das Pferd einen vor, neben, unter und über sich akzeptiert, kann man einfach die Signale vom Boden auf den Pferderücken übertragen.

Ich bin gespannt wie sich Gyves weiter entwickeln wird und obwohl Sie inzwischen schon zu einem Teenie herangewachsen ist, wird Sie immer unser Baby bleiben – das kleine, gescheckte Überraschungspaket mit den bezaubernden blauen Augen.


Spielen & Toben